Sehbeinträchtigungen
„Sehen“ ist gerade im Bereich der Schule häufig auf Grund unserer visuellen Unterrichtskultur der vorherrschende Sinn. Über die Hervorhebung von Praxisbeispielen für auditive Unterrichtsmethoden kann im Rahmen individueller Förderung auch Kindern und Jugendlichen geholfen bzw. können diese unterstützt werden, die vermehrt über andere Sinne lernen. Dies führt zu zeitgemäßem Unterricht und individueller Förderung aller Kinder. Bildungsgerecht ist, wenn Schülerinnen und Schüler mit allen Sinnen lernen können und ihre individuellen Stärken Beachtung finden.
Wichtig ist hierbei, dass der Förderschwerpunkt Sehen nicht allein mit Blindheit oder starker Sehbehinderung verbunden wird, sondern, dass auch Sehbeeinträchtigungen zentraler Natur – wie beispielsweise die Visuelle Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung (Cerebral Visual Impairment – CVI) – in das Bewußtsein gerückt werden. Wie die AVWS (auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung) ist die CVI beispielsweise ein Hauptgrund, warum Kinder schlecht von einer Förderschule auf eine Regelschule zurückwechseln können. Die wechselnden Ausmaße der Beeinträchtigung, weitreichende technische Unterstützungsbedarfe und Hilfstechniken sind in den inklusiv arbeitenden Schulen häufig nicht bekannt, werden als nicht umsetzbar empfunden oder die existente Lernumgebung der Regelschule überfordert die Anpassungs- und Kompensationsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler. Hier ist es wichtig, individuelle Wege zu eröffnen, damit diese Kinder und Jugendlichen einem ihrem intellektuellen Möglichkeiten entsprechenden Schulabschluss ablegen können.
CVI (Cerebral Visual Impairment) in der Schule
Cerebrale visuelle Wahrnehmungsstörung oder cerebral bedingte Sehstörung/ -behinderung in der Schule.
Ein Beitrag von Dr. Roger Weis, Sozialpädiatrische Sehambulanz (SoPSA) der Rheinhessen Fachkliniken Mainz
(nach einem Artikel von Jayasinghe A, St Clair Tracy H, Ravenscroft J, Blaikie A. The CLASS (Cerebral visual impairment Learning and Awareness for School Staff) Pilot Study: An evaluation of the awareness of CVI amongst teachers and comparative evaluation of two different educational resources on understanding. PLoS One. 2025 Jun 9;20(6):e0324914. doi: 10.1371/journal.pone.0324914. PMID: 40489528; PMCID: PMC12148153.)
Wir wissen durch Ergebnisse im noch relativ jungen Forschungsgebiet der CVI, dass Kinder aufgrund dieser Einschränkung zum Teil erhebliche Probleme in der Schule haben. Anpassungen im Klassenraum und in der Wahl der Unterrichtsmethoden können die Entwicklung und den Lernfortschritt der betroffenen Kinder positiv beeinflussen.
Eine CVI wird oft übersehen, weil die Sehschärfe der betroffenen Kinder in der Regel gut ist und die Erkrankung daher bei den üblichen Sehtestungen nicht erkannt wird. Dennoch haben sie eine Sehbehinderung. CVI kann Wahrnehmungsstörungen des Sehens verursachen.
Was bedeutet das?
Stellen Sie sich Ihr Klassenzimmer aus der Perspektive eines nicht betroffenen Kindes vor. Was kann es sehen? Eine Tafel oder ein Smartboard, Bilder an der Wand, Bücher, andere Kinder, Sie und vieles mehr. Alles gleichzeitig. Eine vollständige Sicht auf die unmittelbare Umgebung. Das ist, was ein Kind mit typischem Sehen sieht.
Ein Kind mit CVI kann oft nur eine Sache gleichzeitig sehen: Also zum Beispiel die Lehrperson oder die Tafel aber nicht die Lehrperson und die Tafel.
Stehen viele Dinge auf der Tafel geschrieben, kann es wahrscheinlich nur eines davon gleichzeitig sehen.
Erfordert der gegebene Arbeitsauftrag das wiederholte Wechseln des Blickes zwischen Ihnen, der Tafel und einem Buch auf dem Tisch, ist dies sehr schwierig, darüber hinaus anstrengend und es verlangsamt das Lernen. Das Objekt, was man sich auf der Tafel anschauen soll, muss wieder und wieder gesucht werden, wenn der Blick sich vom Tisch wieder in die Ferne richtet. Ein Vorgang, der Menschen ohne CVI keine Schwierigkeiten bereitet, beinahe automatisch geschieht. Dies gilt auch, wenn Sie sich während des Unterrichts bewegen. Es ist nicht einfach Ihren Bewegungen zu folgen.
Gleichzeitig zu schauen und zuzuhören, kann ebenfalls sehr schwierig sein. Wenn zusätzlicher Lärm vorhanden ist, entweder im Raum oder von draußen, kann das bedeuten, dass betroffene Kinder möglicherweise nicht so gut sehen können, wie noch zuvor, als alles still war.
Diese so betrachteten „zusätzlichen Schwierigkeiten“ sind ein Kind mit CVI normal. Es kennt das Leben nicht anders und wird wahrscheinlich nicht darüber klagen, obwohl es Probleme hat. Diese Kinder sind darauf angewiesen, dass aufmerksame Erwachsene etwas bemerken.
Für Sie könnte es wie ein Kind aussehen, das nicht aufpasst. Ein Kind, das leicht ablenkbar ist. Ein Kind, das mit der Klasse nicht mithalten kann. Das Kind mit CVI wird jedoch hart arbeiten, um konzentriert zu bleiben und mitzukommen. Dadurch kommt es zu einer starken Ermüdung während des Unterrichts oder vor allen Dingen nach dem Unterricht zu Hause.
Es gibt viele Dinge, die Sie tun können, um Kindern mit einer CVI das Lernen zu erleichtern:
Die Anzahl der 'zu sehenden' Dinge an den Wänden reduzieren, wird enorm helfen. Eine wachsende Anzahl von Forschungen hat gezeigt, dass alle Kinder in Klassenzimmern mit weniger Reizen an den Wänden effektiver lernen. Bei CVI kann dies betroffenen Kindern helfen, leichter zu sehen und daher mehr zu sehen.
Wenn Sie schlichte Kleidung tragen, idealerweise immer in denselben kräftigen Farben, helfen Sie dem Kind mit CVI nicht nur, mehr zu sehen, sondern auch, Sie leichter zu erkennen und zu sehen. Viele Kinder mit CVI haben zusätzlich Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen.
Stehen oder sitzen Sie beim Unterrichten am selben Platz, anstatt sich im ganzen Raum zu bewegen. Wenn Sie Kinder ansprechen, verwenden Sie immer ihre Namen, anstatt zu erwarten, dass sie wissen, wen Sie meinen, indem Sie sie ansehen oder auf sie zeigen.
Bei der Verwendung von Tafeln oder Bildschirmen begrenzen Sie den dargestellten Inhalt auf eine wesentliche Sache. Wenn Sie einen Smart-Bildschirm verwenden, stellen Sie sicher, dass alles, was nicht notwendig ist, zum Beispiel Symbole und Hintergrundbilder, ausgeblendet sind.
Rein statistisch betrachtet befindet sich in jeder Klasse ein Kind mit CVI. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Sie in Ihrem Berufsleben einigen betroffenen Kindern begegnen werden. Bisher werden die meisten von ihnen nicht diagnostiziert sein. Die oben beschriebenen kleinen Veränderungen können für einige Betroffene transformativ sein und ihnen eine neue Welt von Lernmöglichkeiten eröffnen.
Ende des Beitrags von Dr. Weis
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https://landesblindenschule-neuwied.rlp.de
