Verhalten
Vernetzungstreffen: Besonderheiten in der sozial- / emotionalen Entwicklung
Protokoll Vernetzungstreffen INKLUNIS. 17.6.2026
„Schülerinnen und Schüler mit Besonderheiten in der sozial-/ emotionalen Entwicklung in der Schule. Kann das funktionieren? Ja! - Ein systemischer Ansatz.“
Datum: 17.06.2026
Zeit: 14:30 – 18:00 Uhr
Ort: Gesundheitsamt Mainz, Isaac-Fulda-Allee 2d, 55124 Mainz
Veranstalter: INKLUNIS. e.V.
Referent: Holger Mühlberger, Leiter des FBZ an der Windmühlenschule in Mainz
Begrüßung und Rahmenbedingungen
Das Vernetzungstreffen wurde von der 2. Vorsitzenden des Vereins, Annika Schmaus, eröffnet. Die Co-Moderation des gesamten Nachmittags übernahm Jana Schäfer-Bunde, ebenfalls Mitglied des INKLUNIS.-Vorstands. Begrüßt wurden rund 60 Teilnehmende, die aus über 20 verschiedenen Berufsgruppen zusammengekommen waren. Das Einzugsgebiet der anwesenden Fachkräfte erstreckte sich über alle Nachbarkreise bis nach Ludwigshafen und Bad Neuenahr/ Ahrweiler, was das überregionale Interesse und die Relevanz des Themas eindrucksvoll unterstreicht.
Ziel des Nachmittags war es, durch einen fundierten fachlichen Input neue Perspektiven auf herausforderndes Verhalten in der Schule zu gewinnen, in interdisziplinären Austausch zu treten und konkrete, praxisnahe Impulse für den eigenen Arbeitsalltag mitzunehmen.
Zentrale Erkenntnisse aus dem Fachvortrag: „Subjektorientierte Lernräume“
Im Zentrum des Vortrags von Holger Mühlberger stand der Ansatz „Subjektorientierte Lernräume – Vom Reagieren zum Gestalten“. Es wurde verdeutlicht, dass lebendige Systeme nicht linear-kausal steuerbar sind. Ein zentraler Leitsatz lautete: Nicht fragen „Wie bekomme ich das Verhalten weg?“, sondern „Wofür ist das Verhalten subjektiv sinnhaft geworden?“.
- Vom Störungsbild zum Bedürfnisbild: Verhalten sollte weniger als Defizit, sondern vielmehr als Funktion und Bewältigungsversuch verstanden werden. Es geht darum, das Bedürfnis hinter dem Verhalten zu erkennen.
- Der gute Grund: Die Annahme, dass jedes (auch als störend empfundene) Verhalten aus der Eigenwelt des Kindes heraus eine Funktion oder einen „guten Grund“ hat (z. B. Schutz, Kontrolle, Zugehörigkeit), öffnet neue Handlungsspielräume.
- Pädagogische Verantwortung: Pädagogik findet im Raum zwischen Beobachtung und Antwort statt. Anstatt in reflexhafte Sanktionen zu verfallen, sollten Pädagoginnen und Pädagogen Arbeitshypothesen bilden und Angebote machen, die neue Erfahrungen im Lernraum wahrscheinlicher machen.
Zusammenfassung nach Themenschwerpunkten (Ergebnisse der Gruppenarbeit):
Im Anschluss an den Vortrag arbeiteten die Teilnehmenden in sieben parallelen Arbeitsgruppen. Entlang strukturierter Fragen reflektierten sie den Vortrag und sammelten auf Flipcharts hilfreiche Interventionen für ihren Arbeitsalltag. Diese lassen sich nachfolgenden Schwerpunkten zusammenfassen:
I. Haltung und Perspektivwechsel
- Der gute Grund: Störendes Verhalten nicht verurteilen, sondern als Ausdruck ungedeckter Bedürfnisse deuten und nach dem „guten Grund“ suchen.
- Ressourcenorientierung: Den Fokus bewusst auf die Stärken und Ressourcen der Schülerinnen und Schüler legen.
- Reflexion und Austausch: Die eigene pädagogische Haltung regelmäßig überprüfen und den Austausch mit dem Team, den Eltern und anderen Institutionen aktiv suchen.
II. Beziehung und Kommunikation
- Bedingungsloses Angebot: Verlässliche Kontaktangebote schaffen, die unabhängig von Leistung, Verhalten oder Anpassung bestehen bleiben.
- Beschreibendes Spiegeln: Beobachtetes Verhalten wertfrei und einfach benennen (beschreiben statt bewerten), um Druck herauszunehmen und Würde zu wahren.
- Positiver Kontakt: Bewusst Momente des positiven Austauschs und Rituale bei Übergängen schaffen.
III. Selbstwirksamkeit und Partizipation
- Bühne bieten: Schülerinnen und Schülern gerahmte Möglichkeiten geben, sichtbar zu werden (z. B. durch Expertenrollen oder den „Witz der Woche“).
- Wahlmöglichkeiten schaffen: Die Autonomie stärken, indem Entscheidungsspielräume im Alltag angeboten werden.
IV. Raumgestaltung und Struktur
- Rückzugsorte kreieren: Klare räumliche oder zeitliche Rückzugsmöglichkeiten anbieten.
- Paradoxe Intervention: Durch unerwartete, wohlwollende Handlungen eingefahrene Muster unterbrechen (z. B. wenn die Gruppe den Raum verlässt und das betroffene Kind bleibt).
Take-Home-Messages: Individuelle nächste Schritte
Die Teilnehmenden wurden gebeten, für sich ganz persönlich den „ersten kleinen Schritt“ für den nächsten Arbeitstag zu formulieren. Aus der Auswertung der individuellen Rückmeldungen ergaben sich folgende starke Tendenzen:
- Beobachten statt Bewerten: Viele nehmen sich vor, sprachliche Aussagen bei Störungen anzupassen, bewusst „beschreibend zu spiegeln“ und weniger vorschnell zu werten.
- Hypothesenbildung: Ein zentraler Vorsatz ist es, sich künftig schriftliche Hypothesen über die möglichen Bedürfnisse und Gründe hinter einem Verhalten zu machen.
- Angebote testen: Die konkrete Umsetzung von „bedingungslosen Angeboten“ und das bewusste Einräumen von Wahl- und Entscheidungsfreiheiten stehen im Fokus vieler Teilnehmenden.
- Druck reduzieren: Das neu gewonnene Verständnis entlastet. Der Drang, dass „Fehlverhalten sofort weg muss“, weicht der Bereitschaft, Prozesse und Bedürfnisse im eigenen Tempo zu begleiten.
Evaluation und Erwartungsabfrage
Zu Beginn und Ende der Veranstaltung haben die Teilnehmenden Feedback gegeben. Wir freuen uns sehr, dass die Veranstaltung in den Bereichen Klarheit zu eigenen Zielen, Vernetzung, Klarheit zu nächsten Schritten und Selbstwirksamkeit viel Veränderung bewirkt hat.
Ausblick
Das Vernetzungstreffen hat gezeigt, dass die bewusste Arbeit an der eigenen Haltung und ein systemischer Perspektivwechsel hin zum „Bedürfnisbild“ große Entlastung in den Schulalltag bringen können. Wir danken allen Teilnehmenden für den intensiven, offenen Austausch und das gemeinsame Weiterdenken.
Hinweis: Best Practice gesucht
Wir freuen uns über kurze anonymisierte Praxisberichte aus Ihrem Arbeitsalltag. Gute Ideen veröffentlichen wir auf unserer Homepage unter „Best Practice Beispiele“. Weitere Informationen finden Sie auf: https://inklunis.de/service/best-practice-beispiele/
Der Referent der Veranstaltung stellt folgende Dateien zum Download zur Verfügung:
Ende des Protokolls
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